Leseprobe

Die Entdeckung der Harmonie

Von den Daumen und ihrem Rätsel

 

Gnothi seauton! – Erkenne dich selbst!

Apollon

 

Seit der Kindergartenzeit geht das so: „Papa, ich kann wirklich nicht einschlafen. Erzählst du mir bitte eine Geschichte? Aber keine erfundene und auch keine von mir.“ Wenn Emilia so anfängt, dann weiß ich schon, was sie hören will: eine Geschichte aus meiner eigenen Kind-heit. Ich lasse mich immer wieder gerne um den Finger wickeln und erzähle.

Immer, wenn ich mich an meine Kindheit zurückerinnere, sehe ich den kleinen Jungen von damals vor mir: pech-schwarzes Haar, kurze Lederhose, in Socken und Sandalen. Es ist Sommer. Er läuft dann immer weg, unerschrocken in die weite Welt hinaus. Ich weiß, wenn ich ihn umdrehen könnte, würde ich in ein freudig strahlendes Gesicht blicken. In Emilia erkenne ich vieles von diesem kleinen Jungen wieder. Sie hat das gleiche Strahlen in den Augen, wenn sie in den Schulbus steigt und freudig losfährt. Sie winkt mir dann zum Abschied noch einmal zu, und ich gehe wieder nach Hause. An meiner Seite ist es dann leer und mein Herz umschleicht ein Hauch von Melancholie. Was hat Cusanus, einer meiner Lieblingsphilosophen, gesagt? Eines sei so wichtig wie das andere: Rechtzeitig zufassen und rechtzeitig loslassen können. Aber mir fällt es nicht leicht, loszulassen. Wie sollte es auch? Emilia ist mein Ein und Alles.

 

Aber klein ist sie schon lange nicht mehr. Erst am letzten Wochenende hat sie mit ihrer Tanzschule das Musical Mamma Mia von ABBA in der Stadthalle aufgeführt. ABBA – das sind die Siebziger, meine Teenagerzeit. Wie fast alle hatte ich damals natürlich eine „Matte“, das hieß, meine Haare hingen bis zu den Schultern. Aber wie cool man wirklich war, konnte man erst an der Höhe der Plateauschuhe und den Hosenbeinen ablesen. Eine Hose, in der man sich sehen lassen konnte, saß von den Beckenknochen bis zu den Knien eng wie ein Thrombosestrumpf. Von dort bis zur Erde entschied sich alles. Das Hosenbein nahm idealerweise die Form eines Zeltes an. Konnte man darunter den Schuh noch sehen, war man modisch konservativ, verschwand der Schuh unter dem Stoffzelt, war man cool. Die Musik von ABBA war eher etwas für Pärchen zum Kuscheln auf der Tanzfläche. Da ich immer noch keine Freundin hatte, bewegte ich mich in der Disco mit der natürlichen Lässigkeit eines einsamen Wolfes und tanzte zum New Heavy Super Funk von James Brown: „Stay on the scene, like a sex machine.“

Es war nicht einfach, in dem Aufzug auf der Tanzfläche eine gute Figur zu machen. Die Plateauschuhe waren nicht ungefährlich. Doch am schlimmsten war der Regen. Wenn es regnete, war es grauenhaft. Die Hosenbeine sogen sich auf dem Weg zur Disco mit Wasser voll und schlabberten mir dann auf der Tanzfläche wie riesige Waschlappen um die Beine. Und wenn ich nachts nach Hause kam, konnten mich meine Eltern schon von Weitem hören. Was für mich schon lange Vergangenheit ist, kommt auf Emilia erst zu. Irgendwann wird auch sie sich in den Discos herumtreiben. Ein beunruhigender Gedanke. Aber noch ist es zum Glück nicht so weit.

Auf dem Tisch steht noch das Geschirr von unserem gemeinsamen Frühstück und ich mache mir eine zweite Tasse Kaffee. Ich bin mir sicher, heute Abend wird sie mich wieder nach einer Geschichte fragen. Aber sie kennt doch schon all meine Geschichten. Mittlerweile kann sie sie wahrscheinlich synchron mitsprechen. Ich bin seit einem halben Jahrhundert auf der Welt und weiß keine weitere Geschichte über mein Leben zu erzählen. Doch dann habe ich plötzlich eine Idee: Klar, das ist es! „Ein und Alles!“ Ich würde heute Abend beginnen, ihr meine Geschichte von der Entdeckung der Harmonie zu erzählen. Das würde uns längere Zeit beschäftigen.

Harmonie ist ein interessantes Phänomen. Jeder strebt nach Harmonie: in der Familie, im Beruf und in der Liebe. Die Schuhe sollen mit der Handtasche und der Freund mit der Freundin harmonieren. Ganze Bibliotheken sind mit Büchern über harmonische Proportionen gefüllt, in der Bildhauerei, der Architektur, dem Gartenbau, der Malerei und natürlich der Musik. Seit Jahrhunderten beschreibt man harmonische Verhältnisse, aber niemand erklärt, warum gerade diese oder jene Verhältnisse als harmonisch erscheinen. Was genau beobachtet man, wenn man sich mit Harmonie beschäftigt? Wo und wie kann man die Harmonie entdecken?

Meine Entdeckung der Harmonie fing mit einer ganz ein-fachen Frage an. Es war in der Schule. Genauer gesagt, im Musikunterricht. In den ersten Jahren meiner Schulzeit fand ich den Musikunterricht nicht besonders spannend. Die meiste Zeit musste man singen. Am Ende des Schuljahres durfte man ein Lied seiner Wahl vortragen und bekam dafür seine Schulnote. Ich sang vor jeder Zeugnisvergabe das gleiche Lied: „Das Waaandern ist des Müllers Lust, das Waa-haan-dern.“ Aber ich erfuhr im Musikunterricht auch Interessantes. Dort hörte ich zum ersten Mal, dass die Tonleiter aus zwölf Tönen besteht. Meinem Musiklehrer fiel ich mehr durch meine Fragen als durch mein musikalisches Talent auf. „Warum hat die Tonleiter zwölf Töne?“, „Hat es etwas mit den zwölf Monaten, den zwölf Stunden oder mit den zwölf Aposteln zu tun?“ und „Wie würde sich eine Musik anhören, die nur aus zehn Tönen besteht? Hört sie sich dann chinesisch an?“

Einfache Fragen haben oft das Schicksal, dass sie am Anfang keiner ernst nimmt und die Antworten sich am Ende so abstrus anhören, dass niemand sie glauben kann. Einfache Fragen hören sich manchmal verrückt an, und doch haben sie schon oft unser ganzes Weltbild verändert. Das berühmteste Beispiel für eine solch einfache Frage ist wohl die Frage nach dem Apfel. Isaac Newton, einer der wichtigsten Wissenschaftler der Weltgeschichte, hat sie sich gestellt. Es war an einem schönen Spätsommernachmittag. Er saß im Garten unter einem Apfelbaum, als plötzlich vor seiner Nase ein Apfel auf den Boden fiel. Warum fliegt er nicht davon? Nach oben oder seitwärts? Warum fällt er immer in Richtung Erde?, fragte sich Isaac Newton nachdenklich.

 

Wahrscheinlich kreisten in diesem Augenblick seine Gedanken gerade um die neuesten Arbeiten seiner Kollegen. Es ging darin um die Zentrifugalkraft. Das ist die Kraft, die einen nach außen drückt, wenn man in einem Karussell fährt. Die Erde ist ein Karussell. Sie kreist um die Sonne und dreht sich dabei auch noch um die eigene Achse. Der Apfel müsste folglich von der Erde weggeschleudert werden. Er dürfte gar nicht auf die Erde fallen. Newton selbst müsste samt Apfel ins Weltall katapultiert werden. Stattdessen klebte er an der Erdkugel und hing kopfüber im Weltraum. Aus dieser Perspektive betrachtet, fiel der Apfel nicht auf die Erde, sondern flog zur Erde hoch. Newton grübelte. Der Apfel ließ ihm keine Ruhe. Doch irgendwann fiel der Groschen. Alles hätte einen Sinn, sagte er sich, wenn es eine Kraft gäbe, die der Zentrifugalkraft des Karussells entgegenwirkte: die Erdanziehungskraft. Doch diese Antwort brachte neue Fragen mit sich. Was ist die Erdanziehungskraft? Wie ziehen sich die Planeten unseres Sonnensystems gegenseitig an? Schließlich hängen sie nicht an einem Gummibändchen! Fast zwei-hundert Jahre später fand Albert Einstein mit seiner Rela-tivitätstheorie eine Antwort. Seiner Ansicht nach wurde der Apfel nicht von der Erde angezogen, sondern kullerte an einer eingebeulten Raumzeit herunter. Noch Fragen?

Fragen sind wie Reisetickets. Man bucht aber keine Pauschalreise, bei der man das Reiseziel im Katalog aussuchen kann. Man begibt sich auf Abenteuerreisen. Ziel: unbekannt. So wie bei der Frage nach dem Apfel. Sie führte Newton zur Entdeckung der Erdanziehungskraft, und die Frage nach der Erdanziehungskraft brachte Einstein zu seiner Relativitätstheorie. Die Relativitätstheorie wiederum gab den Anstoß zu neuen wissenschaftlichen Theorien. Mir ist es mit meiner kleinen Frage nach der Tonleiter ähnlich ergangen. Die Antwort auf diese Frage warf neue Fragen auf und die Antworten darauf wieder neue Fragen.

Aber zunächst einmal teilte meine Frage nach der Ton-leiter das Schicksal vieler einfacher Fragen. Sie wurde nicht ernst genommen. So oft ich fragte, so oft wurde ich vertröstet. Der Lehrer schaute für gewöhnlich auf die Uhr und entschuldigte sich: „Ich muss jetzt leider gehen. Wir reden das nächste Mal weiter.“ Damals war er meine einzige Chance auf klare Antworten. Es gab noch keine Computer, keine Smartphones und natürlich auch kein Internet. Ich ließ also nicht locker: „Jeder Mensch hört jeden Tag Musik, und es sind immer diese zwölf Töne.“ Der Musiklehrer schaute mich an. Sein Blick verriet irgendein Gefühl zwischen Ungeduld und Verständnislosigkeit. „Warum willst du das denn wissen?“, fragte er mich schließlich. Das war bis dahin die beste Antwort, die ich auf meine Fragerei bekommen hatte. Es war natürlich keine richtige Antwort. Es war eine Gegenfrage: „Warum willst du das denn wissen?“ Diese Frage hatte ich mir selbst noch nie gestellt. Für mich war bis dahin immer klar gewesen, dass eine Frage auch automatisch eine Antwort verlangt. Ich hatte noch nie darüber nachgedacht, warum eine Frage überhaupt sinnvoll ist. Die Gegenfrage meines Lehrers war berechtigt. Wenn ich es mir recht überlege, hätte ich wunderbar leben können, ohne eine Antwort auf die Frage nach der Tonleiter zu finden. Ich hätte einfach musizieren und komponieren oder mich an der Musik erfreuen können. Hauptsache, sie gefiel mir. Also, was sollte eigentlich die ganze Fragerei?

Eine gute Frage war schon immer viel wert. Das wussten bereits die alten Griechen. Bei ihnen war das Orakel von Delphi für schwierige Fragestellungen zuständig. Fragen konnten dort gegen Geschenke persönlich vorgetragen oder gegen eine Gebühr schriftlich eingereicht werden. Das Geschäft lief wie geschmiert. Das lag wohl auch daran, dass Delphi ein besonderer Ort war. Delphi galt im antiken Griechenland als Mittelpunkt der Erde. Der Sage nach hatte Zeus, der oberste Gott im griechischen Himmel, von beiden Enden der Welt zwei Adler losgeschickt, die sich dann in Delphi getroffen haben. Hier lebte die geflügelte Schlange Python mit ihren hellseherischen Fähigkeiten. Python hatte versucht, aus Missgunst die Mutter Apollons zu töten. Apollon war der griechische Gott des Lichts, der Heilung, des Frühlings, der sittlichen Reinheit, der Mäßigung, der Weissagung, der Bogenschützen, der Künste, der Dichtung und des Gesangs im Besonderen. Er hatte also einiges zu tun. Trotzdem fand er noch die Zeit, aus Rache die geflügelte Schlange Python zu erschlagen. Mit dem vergossenen Blut der Python sickerten auch ihre hellseherischen Fähigkeiten in den Erdboden von Delphi.

Die Priester von Delphi bewiesen unternehmerischen Weitblick und bauten zu Ehren des Apollon einen Tempel. Auf dessen Säulen wurde eine angebliche Aufforderung von Apollon an die Menschen eingraviert: „Gnothi seauton!“ – Erkenne dich selbst! Das allein machte aber noch keine Geschäftsidee. Man stellte deshalb eine Verbindung zu den Göttern her. Dort, wo Python ihr Blut vergossen hatte, stiegen Gase aus einer Erdspalte. Die Priester stellten einen dreibeinigen Schemel über die Erdspalte. Darauf saß eine schöne, junge Frau, die sie Pythia nannten. Ihr Name sollte natürlich an die hellseherische Schlange erinnern. Wenn nun die Gase aus der Erde stiegen, versetzte das Pythia in Trance und befähigte sie, angeblich die Zukunft zu erahnen. Ich vermute, dass dem dreibeinigen Schemel ausnahmsweise keine mythische Bedeutung beizumessen ist. Mein Vater hatte mir nämlich erklärt, dass dreibeinige Schemel nicht wackeln. Das war sicher von Vorteil, wenn man wie Pythia über einer Erdspalte saß. Auch sonst verfuhren die Priester in Delphi ganz pragmatisch. Als sich herausstellte, dass die großen Helden Griechenlands nach der Orakelstunde Pythia auch gern privat näher kennenlernen wollten, ernannten die Priester kurzerhand nur noch sehr alte Greisinnen zum Orakel. So kamen die großen Männer der Geschichte gar nicht erst in Versuchung.

Aber warum wollten alle den Rat der Pythia? Warum fiel es so schwer, sich selbst zu erkennen? Warum brauchte man dazu ein göttliches Orakel mit seherischen Fähigkeiten? Zumal das Orakel oft ganz unerwartete Antworten gab. Manchmal waren es gar keine Antworten, sondern Rätsel oder Gegenfragen. Meistens blieb der Besucher irritiert zurück und hatte mehr Fragen als vorher. Das Geheimnis des Orakels waren nicht seine Antworten, sondern das Staunen, das diese bei den Menschen auslösten. Die Gegenfrage meines Musiklehrers hätte vom Orakel von Delphi sein können. Ich hatte noch nie darüber nachgedacht, warum eine Frage Sinn ergab. Erst seine Gegenfrage brachte mich dazu, überhaupt darüber nachzudenken. Mein Staunen zwang mich, neue Wege zu gehen. So wie bei der Daumenfrage. Irgendein Trainer in einem Managementseminar hat sie mir einmal gestellt: „Welcher Daumen liegt oben, wenn Sie Ihre Hände falten?“ Ich war für einen Moment verdutzt, besann mich aber und gab die richtige Antwort. Doch die Antwort war nicht wichtig. Wichtig war nur, dass die Antwort erst durch die Frage möglich wurde. Ich hätte noch mein Leben lang meine Hände gefaltet, ohne mir je bewusst zu werden, was ich da eigentlich genau tat. Erst diese Frage hat mich in die Lage versetzt, darüber nachzudenken, welcher Daumen oben liegt. So gesehen beginnt das Denken mit einem Staunen.

Was war so schwer an der Daumenfrage? Offensichtlich war sie schwer zu finden. Ich hatte sie mir auf jeden Fall vorher noch nie gestellt. Sie war bis dahin tief unter meinen Gewohnheiten verschüttet gewesen. Erst das Nachfragen förderte sie zutage und machte sie für mich sichtbar. Und warum sind solche Fragen wichtig? Ich kann wunderbar leben, ob ich die Daumen nun so oder andersherum falte. Das ist wohl wahr. Aber vor der Daumenfrage wusste ich auch weniger über mich. Die Daumenfrage hat mich zu einer kleinen Erkenntnis über mich selbst geführt. Und Selbsterkenntnis ist ja bekanntlich der erste Weg zur Besserung. Besserung? Was sollte besser werden? „Dein Leben“, würde Apollon antworten. „Erkenne dich selbst!“ war sein Aufruf zu einem selbstbestimmten Leben. Wenn wir schon von den Göttern das Privileg erhalten haben, auf dieser Welt zu sein, dann sollten wir das Leben auch nach unseren Vorstellungen leben und nicht im Sumpf von unbekannten und ungewollten Gewohnheiten untergehen lassen. Ziel der Selbsterkenntnis ist also ein selbstbestimmtes Leben.

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