Leseprobe

Mein Leben mit Daly

Hallo, Taxi !

 

„Wer um die große Liebe kämpft, sollte nicht unvorbereitet siegen“, stand auf einem Plakat. Es ist mir aufgefallen, als ich, im Fußraum eines Taxis liegend, vorsichtig durch die Stadt gefahren wurde. Ein knallgelbes Werbeplakat für ein Theaterstück. Unter dem Satz war eine Kettensäge abgebildet.

Im Nachhinein ist es kein Wunder, dass mir gerade dieses Plakat aufgefallen ist. Ich konnte zwar noch nicht wissen, dass diese Taxifahrt die erste zarte Berührung mit Daly sein würde. Auch nicht, dass Daly mich an die Hand nehmen und näher an das Leben heranführen würde, als ich es vorher je gewesen bin. Aber ich muss schon eine Ahnung gehabt haben von dem, was auf mich zukommen sollte. Zugegeben, das Plakat war auffällig. Aber für andere Menschen wären andere Dinge auffällig gewesen. Einem Automechaniker wäre vielleicht ein Geräusch am Motor aufgefallen, einer Schneiderin das schlecht gearbeitete Knopfloch an der Jacke des Taxifahrers. Mir hätte alles Mögliche auffallen können. Aber es war dieses Plakat. „Es gibt keine Zufälle“, das hatte ich einmal irgendwo gelesen. „Alles ist immer überall da, und unterwegs fällt einem zu, was fällig ist.“

Der Taxifahrer hatte mir ins Taxi geholfen. Allein hätte ich es nie geschafft. Als Bürohengst hatte ich einen sportlichen Ausgleich nötig. Also war ich viermal in der Woche ins Sportstudio gegangen. An diesem Tag aber hatte ich das Training wegen grausamer Rückenschmerzen abgebrochen. Auf dem Heimweg ruhte ich mich auf einer Parkbank aus. Als sich jedoch ein alter Mann zu mir setzte und seine Lebensweisheiten loswerden wollte, bin ich trotz der Schmerzen weitergezogen. Er ist sehr freundlich gewesen, doch bei solch quälenden Schmerzen hatte ich keinen rechten Sinn für seine esoterischen Sprüche.

Zuhause angekommen, fingen die Schmerzen erst richtig an. Ich saß am Tisch und hatte mir eine Kleinigkeit zu essen gemacht, als es an der Tür klingelte. Als ich aufstehen wollte, durchbohrte ein stechender Schmerz meinen Rücken und ich ging zu Boden. Keine Chance, aufzustehen. Nur mit äußerster Mühe erreichte ich das Telefon und konnte die eingespeicherte Nummer meines Taxifahrers drücken. So landete ich schließlich mit seiner Hilfe im Fußraum seines Taxis.

Die Arztpraxis befand sich in der Altstadt. Kopfsteinpflaster mit 30 km/h. Meine Schmerzen waren so unerträglich, dass ich nicht einmal in der Lage war, zu weinen. Der Taxifahrer schaute mich mitleidig an. In seiner Hilflosigkeit sagte er: „Ohne Glucke gehte nixe.“ Völlig absurd. Aber natürlich hatte der Mann recht.

Wer um die große Liebe kämpft, dachte ich. Wieso kämpfen? Und um was? Die große Liebe ist für mich eine Idee, nichts Reales, um das ich kämpfen kann. Im besten Fall ein Gefühl, das ich erkenne, wenn es da ist.

Ich lag gar nicht so verkehrt mit meinen Überlegungen. Aber das wusste ich damals noch nicht. Erst Daly hat mir die Augen geöffnet. Nein, Daly ist nicht meine große Liebe, ganz im Gegenteil. Aber sie hat mir gezeigt, was es heißt, das Leben zu lieben. Vielleicht war alles für mich vorhergesehen. Aber ich kann Ihnen versichern, nichts von dem, was mir passiert ist, hatte ich für mich vorgesehen. Daly kam in mein Leben und nichts ist mehr wie vorher.

Ich habe keine Ratschläge. Vielleicht doch: Achtet auf den Verkehr, bleibt zusammen und haltet euch an den Händen. Geht zur Darmkrebsvorsorge, benutzt Schuhspanner und macht euch keine Sorgen über eure Zukunft. Sich im Leben Sorgen zu machen ist so Erfolg versprechend wie Fingernägelkauen bei einem Rendezvous.

Endlich beim Arzt angekommen, wurde ich gleich weiter ins Krankenhaus geschickt. Wieder ging es sachte in den Fußraum. Mein Taxifahrer fuhr mich wie auf rohen Eiern. Als er mich vor dem Krankenhaus absetzte, fühlte ich mich hilflos und verlassen. Jetzt musste ich allein weiter. Mit dem Kopf auf Türklinkenhöhe suchte ich nach der Abteilung Magnetresonanztomographie. Das sagte natürlich kein Mensch. Alle sprachen nur von MRT. Abgesehen von meinen fürchterlichen Schmerzen kam bei meiner Suche erschwerend hinzu, dass die Abteilungsschilder aus meiner Perspektive schwer zu lesen waren. Das Schlimmste aber war, dass mir jeder den Eindruck vermittelte, als sei alles ganz normal. Niemand war zur Stelle, der sich meiner annahm.

Irgendwann stand ich vor dem MRT. Die Schwestern halfen mir auf die Liege, dann wurde ich in eine Röhre geschoben. Eine tolle Erfahrung, wenn man wie ich etwas klaustrophobisch veranlagt ist. Nach dem MRT wartete ich geduldig auf den Arzt, immer noch unter erbärmlichen Schmerzen. Ein Orthopäde. Orthopäden gehörten nach meiner bisherigen Erfahrung nicht zu den Feinfühligsten unter den Ärzten. Er murmelte in das MRT-Bild: „Schwerer Prolaps. Sie sollten sich sofort operieren lassen.“

Ich hatte einen Bandscheibenvorfall. Und das passierte ausgerechnet mir. Ich konnte mir einen Bandscheibenvorfall gar nicht leisten. Ich hatte Termine.

„Einen Termin für die OP können Sie mit meinem Vorzimmer vereinbaren“, sagte der Arzt noch und weg war er. Die Schwester meinte, ich solle mich jetzt mal um mich kümmern und mir keine Sorgen um die Arbeit machen. Der ganze Friedhof liege voll mit unersetzlichen Mitarbeitern. Sie hatte natürlich keine Ahnung, was bei mir im Job los war.

Ich beschloss, dass dieser Arzt und sein Team nicht auf meiner Wellenlänge lagen, riss die Bilder vom Leuchtkasten an der Wand und ließ mich zu meinem Sportarzt fahren. Der brachte mich tatsächlich nach gefühlten hundert Spritzen und noch mehr Stunden in der Reha wieder auf die Beine.

Fünf Monate später nahm ich an einem Wiedereingliederungsprogramm meines Arbeitgebers teil. Ich war wieder da. Wie immer schellte der Wecker um sechs Uhr morgens. Im Sommer war das genial, im Winter war es ekelig. Jetzt war es April und auch nicht viel besser als im Winter. Ich merkte, dass ich mit einer schlechten Laune aufgewacht war. Vielleicht hatte ich schlecht geträumt. Ich schaute aus dem Fenster und sah unter der Straßenlaterne meinen kleinen MX5 stehen. Er war jetzt nicht mehr tiefergelegt und auch das Sportfahrwerk hatte ich ausgetauscht. Er sah aus wie ein kleiner Junge mit zu kurzen Hosen. Ein hoher Preis für einen Bandscheibenvorfall, dachte ich. Damals kannte ich die gängigen Preise noch nicht.

Nach dem Frühstück, Sprung auf, marsch, marsch. Zahncreme für morgens und abends, Zahnzwischenraumbürstchen und Zahnseide. Jeden Tag die gleiche Leier, dachte ich. Ich schaute in den Spiegel. Jeden Morgen dasselbe Gesicht. Vielleicht sollte ich mir einen neuen Haarschnitt zulegen oder einen Bart wachsen lassen. Das hilft auch nicht wirklich. Ich langweilte mich unsäglich. Plötzlich hatte das Schicksal ein Einsehen. Knack, und die Langeweile war verflogen. Wie geschickt meine Zunge mit dem Inlay spielt, dachte ich. Aber dann wurden mir die Konsequenzen bewusst. Ich musste zum Zahnarzt, um das Inlay wieder einsetzen zu lassen. Nichts Schlimmes, doch besserte es meine Laune nicht.

Hoffentlich muss er nicht bohren, hoffentlich passt das Inlay noch, schoss es mir durch den Kopf.  Das Wichtigste zuerst, erst einmal ins Büro. Oben links war es herausgefallen. Ich verrenkte mir vor dem Spiegel den Hals, aber ich konnte nichts sehen. War der Zahn noch in Ordnung? Geruchsprobe. Es roch gar nicht gut.

Ich setzte mich wieder hin, um noch einen Kaffee zu trinken. Ich verzog vor Schmerz das Gesicht. Also doch erst zum Zahnarzt. Ich dachte daran, wie ich mich gerade noch über die Langeweile beim Zähneputzen beschwert hatte. Jetzt war ich auch nicht zufriedener.

Ich blickte abwesend geradeaus auf meine neuen Gardinen. Der Mann, der sie mir aufgehängt hatte, war eines Morgens blind aufgewacht. „Eine seltene Form von Rheuma mit ähnlich schlechter Perspektive wie bei MS oder Parkinson“, hatte er erzählt. Außerdem würde bei ihm die Wirbelsäule zusammenwachsen und früher oder später könne er nur noch zur Erde sehen. Nach ein paar Monaten sei er aufgewacht und habe wieder sehen können. „Jeden Morgen, an dem ich meine Augen aufschlage und sehen kann, ist mein Herz voller Freude“, hatte er mit einem Strahlen im Gesicht gesagt. „Meine Krankheit ist für mich dann ohne Bedeutung.“

Ich kam mir armselig vor, meine Lebenseinstellung banal. Ich beneidete diesen Mann. Mein Herz machte keinen morgendlichen Freudensprung. Ich wachte nicht einmal richtig auf. Und wenn ich endlich wach war, war ich unzufrieden. Über die Stoßdämpferhöhe meines Autos oder die Langeweile beim Zähneputzen. Ich hatte schon vergessen, wie sehr ich mich nach meinem Bandscheibenvorfall danach gesehnt hatte, schmerzfrei und ohne Hilfsmittel von einem Stuhl aufstehen zu können. Kaum konnte ich wieder halbwegs beschwerdefrei laufen, vernachlässigte ich meine Rückenübungen und steckte bis über den Kopf in Alltag und Arbeit. Keine Blume, kein Vögelchen, nichts von all dem Schönen um mich herum sah ich.

Ich fuhr zum Zahnarzt und regte mich über das gestrige Fernsehprogramm auf. Jedes Jahr zu Ostern läuft Ben Hur. Das kann ich schon synchron mitsprechen. Quintus Arrius hatte die mazedonischen Piraten besiegt und wurde mit einem Triumphzug geehrt. Hinter ihm, auf seinem Triumphwagen, hielt ein Mann den Lorbeerkranz über seinen Kopf und sagte beständig: „Memento mori. Bedenke, dass du sterblich bist.“ „So einen Typen brauche ich auch“, murmelte ich vor mich hin. „Am besten einen, der mir jedes Mal in den Hintern tritt, wenn ich vergesse, wie gut es mir geht.“

Dann kam mir wieder der alte Mann auf der Parkbank in den Sinn. Völlig unvermittelt hatte er sich mir zugewandt und mit geschlossenen Augen zu mir gesprochen. Er hatte irgendetwas von Aura, Rot, Blau und Grün gemurmelt und dass es mir gut ginge. Das sah ich ganz anders. „Jeder sucht sich sein Leben aus“, sagte er, nachdem er die Augen wieder geöffnet hatte. „Vor deiner Geburt hast du dir von allen möglichen Leben genau dieses ausgesucht.“ Seine warme Stimme und sein wohlwollender Blick hatten einen Einwand unmöglich gemacht.

Einerseits glaubte ich natürlich nicht an solchen Hokuspokus. Andererseits erschien mir die Idee nicht völlig abwegig. Wollte ich jemand anderes sein? Klar, ich würde gern so gut Tennis spielen wie Boris Becker vor zwanzig Jahren. Aber wollte ich Boris Becker sein? Wollte ich mich dafür aufgeben? Mich selbst? Nein. Ich wollte kein anderer sein. Ich wollte mit keinem tauschen. So gesehen könnte der Alte doch recht gehabt haben. Ich hatte mir für mich das beste Leben ausgesucht. Wie belastbar diese Theorie war, sollte sich noch herausstellen.

ENDE DER LESEPROBE

 

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